Akupunktur einfach erklärt: Ablauf, Studien und Tradition

Akupunktur einfach erklärt: Was passiert, was die Studien sagen und woher sie kommt

Akupunktur ist der Teil der chinesischen Medizin, der im Westen am bekanntesten ist. Die meisten Menschen in Deutschland haben eine ungefähre Vorstellung davon, viele kennen jemanden, der sie ausprobiert hat, und seit 2007 übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen sie in bestimmten Fällen. Weniger bekannt ist, dass die Akupunktur in China nur eine Hälfte eines Paares ist, und vermutlich die kleinere. Dieser Artikel erklärt, was bei einer Behandlung passiert, was die Forschung dazu sagt, und wie die Akupunktur mit der Kräutertradition zusammenhängt.

Was Akupunktur ist

Bei der Akupunktur werden sehr feine Nadeln an bestimmten Punkten des Körpers gesetzt. Die Nadeln sind deutlich dünner als Spritzen oder Kanülen, etwa so dick wie zwei menschliche Haare, weshalb das Einstechen meist als kurzer Pieks oder kaum spürbar beschrieben wird.

Die Praxis ist in chinesischen Texten seit über zweitausend Jahren belegt, unter anderem im Huangdi Neijing, dem Grundlagenwerk, auf das wir in mehreren Artikeln verwiesen haben. Die traditionelle Lehre beschreibt ein Netz von Leitbahnen, die Meridiane, in denen das Qi zirkuliert, und bestimmte Punkte entlang dieser Bahnen, an denen sich die Zirkulation nach traditioneller Vorstellung beeinflussen lässt. Klassisch werden etwa 360 Punkte auf den Hauptmeridianen beschrieben, von denen ein Behandler in einer Sitzung nur eine Handvoll nutzt.

Wie eine Behandlung abläuft

Ein erster Termin beginnt in der Regel mit einem ausführlichen Gespräch. Ein traditionell arbeitender Behandler fragt nach Schlaf, Verdauung, Energie, Wärme- und Kälteempfinden und einer Reihe von Dingen, die mit dem eigentlichen Anliegen scheinbar nichts zu tun haben. Dazu kommt die Betrachtung der Zunge und das Tasten des Pulses an beiden Handgelenken. Das ist die diagnostische Grundlage, die wir in unserem Artikel zur Zungendiagnostik beschrieben haben, und sie bestimmt, welche Punkte gewählt werden.

Das Nadeln selbst geht schnell. Die Punkte werden ausgewählt, die Nadeln in unterschiedlicher Tiefe gesetzt und typischerweise 20 bis 30 Minuten belassen, während man ruhig liegt. Viele beschreiben an den Punkten ein charakteristisches Gefühl, ein dumpfes Ziehen, Schwere oder ein ausstrahlendes Kribbeln, das die Tradition De Qi nennt und als Zeichen wertet, dass der Punkt richtig erfasst wurde. Es ist eher ungewohnt als unangenehm.

Häufig kommt die Moxibustion hinzu, bei der getrockneter Beifuß in der Nähe der Haut abgebrannt wird, um bestimmte Punkte zu erwärmen. Der Geruch ist unverkennbar, und die Methode gehört fest zur traditionellen Praxis.

Die GERAC-Studien: Deutschlands Beitrag zur Forschung

Deutschland spielt in der Akupunkturforschung eine besondere Rolle. Zwischen 2001 und 2006 liefen hier die GERAC-Studien, German Acupuncture Trials, die bis heute zu den größten Untersuchungen zur Akupunktur weltweit zählen. Sie sind der Grund, warum die gesetzlichen Krankenkassen seit 2007 die Akupunktur bei chronischen Rückenschmerzen und bei Kniegelenksarthrose übernehmen.

Die Ergebnisse waren zugleich klar und verwirrend. Die Akupunktur schnitt in diesen Studien besser ab als die damalige leitliniengerechte Standardtherapie. Zugleich zeigte sich zwischen der echten Akupunktur an traditionellen Punkten und einer Scheinakupunktur an beliebigen Stellen kaum ein Unterschied. Beide wirkten, und beide wirkten ähnlich gut.

Was das bedeutet, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Diskussion. Manche sehen darin einen Hinweis, dass der Effekt weniger an den traditionellen Punkten hängt als am Nadeln selbst oder an der Behandlungssituation. Andere halten die Scheinakupunktur für nicht wirklich inaktiv. Eine ehrliche Zusammenfassung lautet: Für einige Anwendungen, besonders bei chronischen Schmerzen, gibt es belastbare Hinweise, der Wirkmechanismus ist umstritten, und wer Ihnen mehr Gewissheit verspricht als das, geht über den Forschungsstand hinaus.

Wer in Deutschland akupunktieren darf

Anders als in manchen Ländern ist die Akupunktur in Deutschland geregelt. Ausüben dürfen sie Ärztinnen und Ärzte, häufig mit der Zusatzbezeichnung Akupunktur, sowie Heilpraktiker. Die Kassenleistung bei Rücken- und Knieschmerzen setzt einen Arzt mit entsprechender Qualifikation voraus.

Nebenwirkungen sind in der Regel gering und kurz: kleine Blutergüsse oder vorübergehende Müdigkeit sind die häufigsten. Wer schwanger ist, eine Blutgerinnungsstörung hat oder blutverdünnende Medikamente nimmt, sollte das vorab ansprechen.

Die andere Hälfte: die Kräutertradition

Hier kommt der Punkt, der im Westen meist übersehen wird. In China sind Akupunktur und Kräuterkunde zwei eigenständige Disziplinen innerhalb einer Tradition, und die Kräuterkunde ist nach vielen Maßstäben die umfangreichere. Behandler spezialisieren sich oft auf eines von beiden, Kliniken haben getrennte Abteilungen, und die klassische Literatur zu Kräuterrezepturen übertrifft die zum Nadeln um ein Vielfaches.

Dass die Akupunktur im Westen erfolgreicher angekommen ist, hat praktische Gründe. Sie ist anschaulich, leicht zu demonstrieren, braucht keine Lieferkette und stößt nicht auf die regulatorischen Hürden, die importierte Kräuter mit sich bringen.

Gemeinsam ist beiden derselbe Rahmen: dieselbe Diagnostik, dieselben Konzepte von Qi, Yin und Yang, dasselbe Ziel des Ausgleichs. Ein Behandler, der Sie für die Akupunktur einschätzt, und einer, der eine Kräuterrezeptur auswählt, lesen dasselbe Bild und arbeiten mit unterschiedlichen Werkzeugen. Wer sich für die Kräuterseite interessiert, findet in unserem Kräuterlexikon zu jedem Kraut Herkunft, Geschichte und traditionelle Zuordnung.

Bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden ist Ihre Ärztin oder Ihr Arzt die richtige Ansprechperson.

Häufig gestellte Fragen

Tut Akupunktur weh?

In der Regel nicht. Die Nadeln sind sehr viel feiner als Spritzen. Die meisten beschreiben höchstens einen kurzen Pieks, gefolgt von einem dumpfen, schweren oder kribbelnden Gefühl am Punkt.

Zahlt die Krankenkasse Akupunktur?

Die gesetzlichen Kassen übernehmen sie seit 2007 bei chronischen Schmerzen der Lendenwirbelsäule und bei Kniegelenksarthrose, durchgeführt von entsprechend qualifizierten Ärzten. Für andere Anwendungen ist es eine Privatleistung.

Was sind die GERAC-Studien?

Die German Acupuncture Trials, große deutsche Studien von 2001 bis 2006, die zur Kassenübernahme führten. Sie zeigten, dass Akupunktur der Standardtherapie überlegen war, fanden aber kaum Unterschied zwischen echter und Scheinakupunktur.

Wer darf in Deutschland akupunktieren?

Ärztinnen und Ärzte sowie Heilpraktiker. Die Kassenleistung setzt einen Arzt mit Zusatzqualifikation voraus.

Was ist Moxibustion?

Eine traditionelle Methode, bei der getrockneter Beifuß nahe der Haut abgebrannt wird, um bestimmte Punkte zu erwärmen. Sie wird häufig zusammen mit der Akupunktur angewendet.

Akupunktur und Kräuterkunde sind zwei Hälften einer Tradition. Wer über die Nadeln eingestiegen ist, findet im Kräuterlexikon den Weg in den größeren Raum nebenan.

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